Herausragende Auslandsberichterstattungen werden erstmalig mit dem „Werner Holzer-Preis“ ausgezeichnet
Die Gewinner des 1. Werner Holzer-Preises: Andrea Böhm, Katrin Eigendorf und Christoph Reuter (v.l.n.r.), Fotografin: Monika Müller
Die Karl-Gerold-Stiftung und die ‘Frankfurter Rundschau‘ setzen ein klares Zeichen gegen den Trend, die Auslandsberichterstattung zu reduzieren oder sie in ihrer Vielfalt einzuschränken und haben erstmalig den „Werner-Holzer“ Preis ins Leben gerufen. Prämiert werden Beiträge, die über einen längeren Zeitraum hinweg Maßstäbe im Auslandsjournalismus gesetzt haben.
Am 9. Dezember 2022, im Kaisersaal des Frankfurter Römer, im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung, haben zwei Journalistinnen und ein Journalist die Auszeichnungen entgegengenommen. Dr. Richard Meng, Vorsitzender des Kuratoriums der Karl-Gerold-Stiftung, unterstrich in seiner Begrüßungsrede die zentrale Bedeutung für die Zukunft der Demokratie, internationale Entwicklungen kontinuierlich und aus unterschiedlichen Perspektiven zur Kenntnis zu nehmen. Der Preis solle immer wieder daran erinnern, dass unsere Sicht auf die Welt davon lebt, ausführlich, gründlich, kenntnisreich und kritisch über die Entwicklungen in anderen Ländern informiert zu werden.
Die Journalistin Katrin Eigendorf (ZDF) freut sich über den ersten Preis (dotiert mit 10.000 Euro). Der zweite Preis (dotiert mit je 5.000 Euro) geht an Andrea Böhm (Die Zeit) und Christoph Reuter.
Katrin Eigendorf ist Reporterin im Reporterpool des ZDF-Hauptredaktion Aktuelles mit Berichterstattungsschwerpunkten in Afghanistan, der Ukraine, Russland, Libanon, Irak und der Türkei. Über die Rückkehr der Taliban berichtete sie 2021 aus Afghanistan, über den Krieg in der Ukraine informiert sie seit Ende Februar 2022. Für ihre Arbeit erhielt sie bereits den Grimme-Preis 2022 für „besondere journalistische Leistungen“. Dr. Michel Friedman, Juryvorsitzender, begründete die Juryentscheidung wie folgt: „Auslandskorrespondenten, die aus Kriegsgebieten berichten, sind eine der wenigen Optionen, gegen die Kriegspropaganda aufzuklären. Sie riskieren ihr Leben für den freien Journalismus. Die Preisträgerin schafft es mit professionellem Engagement, die furchtbaren Informationen des Krieges mit Geschichten der angegriffenen Opfer zu verknüpfen. Sie erzählt vom Schicksal dieser Menschen und ordnet diese im politischen Kontext ein. Sie traut sich, der Informationspflicht emotionale Momente hinzuzufügen. Glaubwürdig. Das macht sie so besonders.“
Andrea Böhm ist langjährige Auslandskorrespondentin. Aus den USA berichtete sie von 1992-1997 und 2000- 2005. Dem Politik-Ressort der ZEIT gehört sie seit 2006 an und legt ihren Berichts-Schwerpunkt auf Sub-Sahara-Afrika. Von 2013 bis 2018 war die Nahost-Korrespondentin in Beirut, wo sie sich, wie sie sagt, „auf den geballten Wahnsinn dieser Zeiten“ eingelassen hatte und viel zu häufig von Krisen und Kriegen erzählen musste. Laudatorin Özlem Topçu (Die Zeit) kommentiert die Auszeichnung Böhms wie folgt: „Andrea Böhm ist buchstäblich eine Weltreporterin – es gibt kaum eine Region, von der aus sie nicht berichtet hat. Über die sie nichts zu schreiben oder zu sagen hätte. Und mit jedem Text hat man das Gefühl: Da eröffnet eine einem die Welt, bricht die herkömmlichen Vorstellungen von Ländern und Menschen und legt dem Weltbild immer neue Mosaiksteine hinzu.“
Christph Reuter, der zweite Zweitplatzierte Journalist, berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der islamischen Welt für das Nachrichtenmagazin ‘SPIEGEL‘. Der Islamwissenschaftler spricht fließend Arabisch und berichtet seit 2011 vorwiegend aus und über Syrien sowie dem Irak und Afghanistan. Zuletzt informierte er aus der Ukraine. Laudatorin Antje Maren Pieper (ZDF) würdigte Reuter wie folgt: „Es gibt wohl kaum einen Auslandsreporter, der sich derart tief mit einer Region beschäftigt hat wie Christoph Reuter. Er blieb, als viele schon weg waren aus Syrien und oder Afghanistan. Und kam immer wieder. Nicht nur reportierend, auch mit der scharfen Analyse der politischen Entwicklung, wo viele andere längst den Überblick verloren hatten. Auch in den Ländern, über die er berichtet, genießt er größten Respekt und wird für seine Kenntnis über die jeweiligen Kulturen sehr geschätzt.“
Der Werner Holzer-Preis wurde 2022 von Thomas Kaspar, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, ins Leben gerufen und zeichnet profilierte Persönlichkeiten aus allen journalistischen Berufsfeldern aus, die über einen längeren Zeitraum hinweg Maßstäbe im Auslandsjournalismus gesetzt haben – insbesondere durch eine beispielgebende Eigenständigkeit bei der Themenauswahl und der Darstellung aus einer unverwechselbaren Perspektive. Eine Bewerbung ist nicht möglich – die fünf Jurymitgliederinnen und -mitglieder haben ein Vorschlagsrecht und nominieren pro Jahr bis zu drei Vorschläge für geeignete Persönlichkeiten. Sie bestimmen in einer Abstimmung den endgültigen ersten Platz und mögliche weitere Preise mit minimal einfacher Mehrheit. Die diesjährigen Jurymitglieder waren: Der Jury-Vorsitzende Dr. Dr. Michel Friedman (Philosoph, Publizist, Autor und Moderator) sowie Antje Maren Pieper (ZDF), Özlem Topçu (Der Spiegel), Natalie Amiri (Bayrischer Rundfunk) und Thomas Kaspar (Chefredakteur FR). Der nächste Werner Holzer-Preis wird Ende des Jahres 2023 verliehen.
Werner Holzer, langjähriger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und Namensgeber des neuen Preises, bereiste als Reporter zehn Jahre lang Afrika, die USA, Vietnam, den Nahen Osten und die Krisengebiete Europas. „Die Wahrheit ist nicht leicht zu finden, hat Werner Holzer der FR mitgegeben“, sagt Thomas Kaspar, Chefredakteur der FR. „Aus diesem Geist heraus haben wir zusammen mit der Familie Holzer den Preis entwickelt. Denn gerade in einer Zeit der schnellen Verbreitung von Informationen über die sozialen Medien, ist es wichtiger denn je sich aus erster Hand informieren zu können.“
Die Karl-Gerold-Stiftung fördert seit 1975 einen engagierten, der Demokratie und sozialen Gerechtigkeit verpflichteten Journalismus. Karl Gerold, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der FR und Stiftungsgründer, hat in der Stiftungsverfassung festgeschrieben, dass sie die Haltung der Frankfurter Rundschau, wie sie von ihm als Herausgeber, Verleger und Chefredakteur geprägt ist, erhalten solle. Die FR solle eine „unabhängige, politisch engagierte, linksliberale Tageszeitung, verpflichtet dem Geist des Grundgesetzes und den Menschenrechten und ständig eintretend für das unbedingte Prinzip der Demokratie und für soziale Gerechtigkeit“ bleiben. Auch die überregionale Verbreitung hat Karl Gerold in der Satzung verankern lassen. Stiftungszweck ist die Förderung von Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, der im Wesentlichen durch die Vergabe von Studienstipendien und Reisestipendien für Nachwuchsjournalisten erfüllt wird.
(jla) 12.12.2022


