Otto Brenner Preis 2021 für kritischen Journalismus: Der erste Preis geht an Pitt von Bebenburg

Pitt von Bebenburg hessischer Landeskorrespondent der Frankfurter Rundschau (FR) in Wiesbaden hat den mit 10.000 Euro dotierten 1. Preis für seine Berichterstattungen über den „NSU 2.0“-Skandal in Hessen erhalten. Damit zeichnet die Stiftung seine investigative Artikelserie aus, die seit Juli 2020 in der FR veröffentlicht wurde und die dem Zusammenhang zwischen rechtsextremen Drohschreiben des Absenders „NSU 2.0“ und zuvor erfolgten, illegalen Datenabfragen der hessischen Polizei auf den Grund geht. 

Der 2. Preis (dotiert mit 5.000) Euro geht an Christian Baars, Oda Lambrecht, Simone Horst und Lutz Ackermann für die TV-Dokumentation "Wem gehört der Impfstoff?" (Panorama - die Reporter, NDR Fernsehen). Wie und warum die lebensrettenden Impfdosen knapp blieben, das hat das NDR-Team früher als alle anderen aufgedeckt.

Mit dem 3. Preis (Preisgeld von 3.000 Euro) werden die beiden taz-Journalisten Kersten Augustin und Sebastian Erb ausgezeichnet. Ihre Recherchen „Wer schützt eigentlich unser Parlament?“, „Hitlergruß im Reichstag“ und wie sich „mitten im Herzen unserer Demokratie rechtsradikales Gedankengut breit macht – wie wenig das Bundestagspräsidium und die Bundesverwaltung als Aufsichtsorgane lange Zeit dagegen unternommen haben“  haben sie die Jury überzeugt. 

Der Otto Brenner Preis "Spezial"(dotiert mit 10.000 Euro) geht an das Team des WDR Politik-Magazins MONITOR mit seinem Leiter Georg Restle. Für die Jury steht das Magazin „für penibelste Recherche, für Unabhängigkeit, für Meinungsstärke und für Unbeugsamkeit“ und „verteidige die Demokratie und die Grundrechte mit Sensibilität, mit Sorgfalt und mit Verve“.

Den Newcomer-Preis (dotiert mit 2.000 Euro) erhält Selina Bettendorf. Auf einer Doppelseite im Tagesspiegel hat sie sexuelle Belästigung im Alltag beleuchtet und dabei Täter und Opfer zu Wort kommen lassen. „Da wird einige Hartnäckigkeit vonnöten gewesen sein, bevor die Reporterin Bettendorf diese Erfahrungsberichte für uns Leser*innen aufzeichnen durfte“, lobt die Jury. So vervollständige sich das Bild, Fairness geselle sich zur Kritik. Aber Bettendorf hat nach Einschätzung der Jury noch mehr getan: nämlich auf der ersten Seite ihres Dossiers alles verfügbare Wissen zusammengetragen – aus Justiz, Recht und Wissenschaft.  

Der Medienprojektpreis (dotiert mit 2.000 Euro) geht an das Redaktionsteam des YouTube-Formats „offen un‘ ehrlich“. Kim Stoppert und Robert Hecklau produzieren für den Saarländischen Rundfunk und „funk“, das junge Online-Angebot von ARD und ZDF, und nehmen die neuesten Instagram-Hypes auseinander. Die Produktmaschen und Manipulationsstrategien der Influecer:innen werden überprüft und anschließend die Rechercheergebnisse publikumsgerecht aufbereitet. Nach Auffassung der Jury gelingt dem Team  mit “offen un’ ehrlich” die Quadratur des Kreises: „Es nimmt die digitale Welt ernst und ist dabei doch ungeheuer witzig“. 

Die siebenköpfige Jury hat auch in diesem Jahr wieder Recherche-Stipendien vergeben, zwei  Anträge können umgesetzt werden: 

Johanna Tirnthal und Timo Stukenberg recherchieren zu „Angriffen auf Obdachlose“ und fragen, wie und warum sich der Hass gegen schutzlose Menschen entlädt, wie sich Obdachlose schützen und was das „über uns als Gesellschaft aussagt“. 

Fabian Federl greift mit seinem Stipendium das Thema Fischzucht auf. Fischzucht, so die allgemeine Absicht, soll die Meere vor Überfischung retten. Was für Europa funktioniert, führt aber im Senegal zu einem perversen Paradox: Den Menschen fehlt es an Nahrung, weil dort ihr Fisch zu Mehl verarbeitet wird, der an unseren Fisch verfüttert wird. Die Recherche will den Blick auf absurde Verhältnisse in einer globalisierten Welt lenken und zudem eine Geschichte von Ungleichheit, Umweltzerstörung und globaler Wirtschaft erzählen.

Seit 2005 vergibt die Otto Brenner Stiftung jährlich den Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus. Prämiert werden journalistische Arbeiten, die das Motto der Ausschreibung „Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“ in ihren Beiträgen beispielhaft umgesetzt haben. Aus mehr als 450 Bewerbungen wählte die Jury am 21. September 2021 in Frankfurt a.M. die Preisträger:innen in fünf Kategorien aus. 

Die Jurymitglieder 2021 sind die freie Journalistin Brigitte Baetz (u.a. Deutschlandfunk), Nicole Diekmann (ZDF-Hauptstadtstudio Berlin), Prof. Dr. Volker Lilienthal (Universität Hamburg, Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus), Henriette Löwisch (Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München, DJS), Prof. Dr. Heribert Prantl (Kolumnist und Autor, Süddeutsche Zeitung), Harald Schumann (Mitbegründer Investigative Europe, Redakteur für besondere Aufgaben Der Tagesspiegel) sowie Jörg Hofmann (1. Vorsitzender der IG Metall und OBS-Verwaltungsratsvorsitzender).

Die Preisverleihung findet am 22. November in Berlin, auf Grund der Corona-Pandemie, in kleinem Kreis statt. Ab 18.00 Uhr wird sie im Livestream über die Internetseiten der Stiftung zu sehen sein.



zurück

(jla) 19.10.2021

Weitere Webseiten